| Essstörungen |
Seite 1 von 2
Wann ist Therapie überhaupt notwendig?Essstörungen gehören bei Jugendlichen sind keine „Kleinigkeit", sondern gehören zu den Störungen, die man am meisten ernst nehmen und am sorgfältigsten behandeln muss. Zu Beginn machen Jugendliche oft eine für die Außenwelt nachvollziehbare Diät, die Mädchen erhalten viel Bestätigung von außen: „Du bist aber schön schlank geworden", und fühlen sich ermutigt, weiterzumachen. Bei einer magersüchtigen Entwicklung laufen diese Bereiche aber mehr und mehr auseinander: der Gewichtsverlust ist inzwischen beträchtlicher, die Umwelt signalisiert: „Du siehst viel zu dünn aus, wieso tust du das?", aber die Jugendliche ist noch immer nicht zufrieden mit ihrem Gewicht und ihrem Aussehen und möchte weiterhin abnehmen – und muss die Hinweise der Umwelt natürlich ignorieren und sich gleichzeitig mehr zurückziehen. Deshalb werden Mahlzeiten zunehmend „unter Ausschluss der Öffentlichkeit" eingenommen, außerhalb der Familienmahlzeiten, und Kontakte zu Freunden werden oft reduziert, vor allem, wenn sie mit Essen verbunden sind. Essen in Gesellschaft verlangt von einem magersüchtigen Mädchen viel Vorausplanung, weil es mit seinem selbsterstellten Diätplan nicht in Konflikt kommen möchte. Spätestens an diesem Punkt ist eine professionelle Beratung sinnvoll, denn je länger dieses Verhalten durchgehalten wird, umso stabiler wird es – das heißt, der Weg heraus wird immer schwieriger zu gehen. Eine Bulimie tritt häufig nicht durch Gewichtsverlust in Erscheinung. Den Eltern fällt aber auf, dass der Kühlschrank öfter „geplündert" ist, dass zunehmend Essensreste im Jugendzimmer auffindbar sind, dass die Jugendlichen auffällig oft nach den Mahlzeiten im Badezimmer „verschwinden", und oft sind auch Spuren von Erbrochenem zu finden, oder die Jugendliche wird sogar zufällig von den Eltern oder Geschwistern beim Erbrechen „erwischt". Auch an diesem Punkt ist es bereits notwendig, Kontakt zu einer professionellen Beratung herzustellen, denn absichtliches Erbrechen nach dem Essen ist niemals „normal", und der Kontrollverlust, sich nicht mehr auf reguläre Mahlzeiten und normale Mengen beschränken zu können, ist ebenfalls einer Abklärung wert. Auch hier gilt nämlich, dass der „Weg hinaus" umso schwieriger zu finden ist, je länger das problematische Verhalten schon geht. Wenn die Gewichtsabnahme oder die Essanfälle mit nachfolgendem Erbrechen erst seit wenigen Wochen oder Monaten bestehen, ist es oft noch relativ gut möglich, im Rahmen einer ambulanten Behandlung „die Kurve zu kriegen". Wenn das Problem aber schon ein halbes oder ganzes Jahr oder noch länger besteht, wird eine Änderung des trainierten Verhaltens selbst in einer Therapie immer schwieriger. Die krankhafte Überzeugung, trotz Normal- oder sogar Untergewichts „zu fett" zu sein („Körperschemastörung") kann bei längerem Verlauf sogar wahnhafte Züge annehmen, sie werden also zu festen Urteilen, die der Belehrung von außen nicht mehr zugänglich sind. Es ist überhaupt nicht damit zu rechnen, dass die beschriebenen Probleme „von alleine" wieder aufhören oder einzig innerhalb der Familie lösbar sind. Die Beteuerungen einer Jugendlichen (sofern sie überhaupt bereit ist, über dieses Thema zu sprechen und nicht ohnehin alles verharmlost), „es schon zu schaffen", oder die Bemühungen einer Mutter, durch „viel Hilfe" ihrer Tochter aus der Krankheit herauszuhelfen, sind praktisch nie von Erfolg gekrönt. Unbehandelt führen Magersucht oder Bulimie aber in 10% der Fälle zum Tod, und ein Drittel der Erkrankten bleibt (sogar mit Therapie) chronisch über viele Jahre krank. Die durchschnittliche Dauer einer Essstörung im Jugendalter beträgt 5 Jahre. Deshalb ist es überaus wichtig, eine Behandlung frühzeitig zu beginnen, mit Hilfe von Experten durchzuführen und ausreichend lange beizubehalten. |
Essstörungen